trees.jpg (29763 Byte)weiterzurück8. Der Plantagenkautschuk durchbricht die Vormachstellung Brasiliens

Durch die geglückte Einfuhr des Chinabaumes nach Ceylon und Indien ermutigt, kam man in England auf die Idee, auch Kautschukpflanzungen in englischen Kolonien mit entsprechenen klimatischen Bedingungen anzulegen. Dafür kam jedoch nur eine Pflanzenart in Frage, von der einmal die höchsten Erträge zu erwarten waren und die zum anderen den technisch wertvollsten Kautschuk lieferte, die Hevea brasiliensis.

Der brasilianische Staat wollte hingegen eine derartige Entwicklung verhindern und tat alles, um sein Monopol zu erhalten. Die Ausfuhr von jungen Pflanzen und Samen wurde mit schweren Freiheitsstrafen bedroht, und zur Durchführung der Bestimmung fand eine genaue Kontrolle aller Schiffe an den Kautschukhäfen statt. Auf die Dauer konnte das brasilianische Monopol durch Gesetze und Zollmassnahmen jedoch nicht geschützt werden.

1873 gelang es dem englischen Botaniker Robert Cross zum ersten Mal, 2'000 Stück Samen nach England zu schmuggeln. Es glückte zwar, ein Duzend davon zum Keimen zu bringen, doch gingen sämtliche Schösslinge auf dem Weg nach Kalkutta ein. Drei Jahre später gelang es dem englischen Pflanzer Henry Wickham, am 14. Juni 1876, unter Ausnutzung günstiger Umstände, die Zollblockade zu durchbrechen und ca. 70'000 Samen nach England zu bringen. Von diesen 70'000 Samen keimten rund 2'400 Stück.Noch im selben Jahr konnten 1'910 Schösslinge, hauptsächlich auf Ceylon und kleinere Mengen auch auf Burma, Java und Singapore, eingepflanzt werden. Die erste Ernte des Plantagenlatex wurde 1889 von den Bäumen des botanischen Gartens in Singapore gesammelt und ab 1900 erfolgte der erste Export von Plantagen-Kautschuk.

Das brasilianische Monopol war damit gebrochen und die Grundlage für den asiatischen Plantagenbau geschaffen. Wer jedoch an eine rapide Aufwärtsentwicklung des Plantagenkautschuks geglaubt hatte, wurde enttäuscht. Die Gründe dafür lagen darin, dass die Anforderungen, die der Plantagenanbau an die Pflanzer stellte, ausserordentlich gross waren. Nur kapitalkräftige Unternehmer konnten es wagen, ein Produkt anzupflanzen, bei dem das angelegte Geld sechs Jahre zinslos liegenblieb. Mangel an Fachleuten, die Ungewissheit in der Preisgestaltung, Fehler in der Kultivierung, die vielleicht erst bei der Ernte bemerkt wurden; das alles waren hemmende Faktoren, die den Anbau ungünstig beeinflussten. Zudem besass man keine Anhaltspunkte, ob das Plantagenprodukt überhaupt mit dem Wildkautschuk in Konkurrenz zu treten vermochte. Kaffee, Tee, Reis, Zuckerrohr und Tabak gaben den Pflanzern, solange sie denken konnten, ein angenehmes Einkommen, und man sah nicht ein, aus welchem Grunde diese sichere Rente plötzlich einer zweifelhaften, völlig unsicheren Kultur geopfert werden sollte.

Dies änderte sich jedoch grundlegend mit dem Katastrophenjahr 1904, als die Teepreise einen erschreckenden Tiefstand erreichten und auch Kaffee, Reis und Zuckerrohr die Erntekosten kaum zu decken vermochten. Nur die Kautschukplantagen warfen einen reichen Gewinn ab.

Inzwischen erlebte Brasilien seine Blütezeit. Der Bedarf an Kautschuk stieg ununterbrochen. Da die Nachfrage nicht mehr gedeckt werden konnte, begannen die Preise in phantastische Höhen zu klettern. Der Zustrom an Spekulanten erinnerte an einen Goldrausch. Expeditionen wurden sogar in ergiebigen Gebieten Boliviens gemacht.

Dies führte zu erbitterten Kämpfen mit bolivianischen Kautschuksuchern und schliesslich mussten diese die Feststellung machen, dass ihnen nicht mehr wilde Arbeiterhorden, sondern kampferproptes Militär gegenüberstand. Da Brasilien seine Truppen in kürzester Zeit auf dem Wasserweg ins Kampfgebiet werfen konnte, musste sich Bolivien geschlagen geben und durch den Vertrag von Petropolis hatte Brasilien endgültig sein Ziel erreicht: es nahm das gesamte Gebiet bis Bahia, das in Cobija umgetauft wurde, in seinen Besitz.

Brasilien drohte in seinem Reichtum fast zu ersticken. Paràs Einwohnerzahl war von 1890 bis 1913 von 50'000 auf 275'000 angewachsen und es besass sogar eine Oper, in der Künstler von Weltruf ihre Gastspiele gaben. 1910 hatte die Nachfrage den Kautschukpreis auf rund 2'400 Franken pro 100 Kilo steigen lasse, doch 1913 sank er auf ein Drittel davon. Die Ausdehnung der Plantagen in Asien hatte inzwischen einen derartigen Umfang angenommen, dass ab 1911 die Produktion den Verbrauch überstieg und einen rapiden Fall des Kautschukpreises nach sich zog.

tjondong.jpg (56835 Byte)In der Zwischenzeit hatte sich nämlich die Einstellung der Farmer durch das Krisenjahr 1904 grundlegend geändert und England hatte erhebliche Summen in die Plantagenwirtschaft investiert. In Brasilien wurde man sich jedoch anfangs der Ursache für den Preissturz nicht bewusst. 1913 überholte der asiatische Plantagenkautschuk erstmalig den brasilianischen Wildkautschuk (Brasilien 40'000 t, Plantagen 48'000 t). 1914 betrug die Menge des Plantagen-Kautschuks bereits 70'000 t, das waren 59% der gesamten Welterzeugung. Der Wildkautschuk hatte seine führende Stellung verloren.

Brasilien versuchte mit allen Mitteln zu retten, was noch zu retten war. Alle Massnahmen schlugen jedoch an den schnell wachsenden Produktionsmengen der Plantagen fehl. Ebenso schnell wie der Aufstieg, kam der Abstieg Brasiliens. Nach dem ersten Weltkrieg sank der brasilianische Kautschukmarkt zur Bedeutungslosigkeit herab.

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