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11. Der synthetische
Kautschuk
Schon immer träumten die Länder, die keine eigenen Kautschukplantagen hatten, davon, ein dem Kautschuk möglichst ähnliche, nur mit Hilfe chemischer Prozesse gewonnenes Erzeugnis zu finden.
Von 1860 an beschäftigte sich eine Reihe von Forschern mit diesem Problem. Der erste echte Versuch, einen künstlichen Kautschuk zu entwickeln, wurde vom englischen Chemiker Sir William Tilden nach einem entscheidenden Misserfolg 1882 abgebrochen. Aufgrund der Fortschritte, die in der darauffolgenden Zeit auf dem Gebiet der organischen Chemie erzielt worden waren und infolge des hohen Preises, den der Kautschuk damals erzielte, begann 1906 der deutsche Chemiker Fritz Hoffmann ernsthaft, in den Farbenfabriken BAYER an der Synthese des Kautschuks zu arbeiten, was 1909 zum ersten Patent führte, das die Erzeugung von synthetischem Kautschuk im technischen Massstab erlaubte.
1915 setzte die Produktion von synthetischem Kautschuk in Leverkusen in grösserem Umfang ein. Während des ersten Weltkrieges wurden unter der Leitung von Hoffmann bereits ca. 2'400 Tonnen Methylkautschuk hergestellt. Diese intensive Arbeit an dem synthetischen Kautschuk war vor allem durch den Krieg ausgelöst worden. Denn Deutschland war während dieser Zeit gänzlich vom Rohstoffmarkt und damit auch vom Naturkautschuk abgeschnitten.
Nach dem ersten Weltkrieg wurden die Arbeiten auf dem Gebiet der Kautschuksynthese völlig eingestellt. Durch die inzwischen entwickelte Plantagenwirtschaft stand Kautschuk in überreicher Menge und zu einem Preis zur Verfügung, der vom synthetischen Kautschuk nicht erreicht werden konnte.
Erst 1926, als die Preise auf dem Kautschukmarkt wieder anzogen, wurden die Arbeiten auf diesem Gebiet wieder aufgenommen. Ende 1934 war man dann soweit, dass auf Grund der in langjähriger Forschung erzielten Resultate zu einer industriellen Auswertung geschritten werden konnte. 1936 wurde in Schkopau der Grundstein zur ersten BUNA-Fabrik gelegt. (BUNA = synthetischer Kautschuk; der Name kommt von den verwendeten Stoffen her: PUtadien und NAtrium)
Weitere Fabriken folgten in Leverkusen, Ludwigshaven, Hüls und Auschwitz. Der zweite Weltkrieg trieb die Produktion von Synthesekautschuk rasch voran. Von 1935 - 1945 wurden allein in Deutschland etwa 500'000 Tonnen synthetischer Kautschuk hergestellt.
Auch in den USA machte der sythetische grosse Fortschritte. Durch den Eintritt Japans in den zweiten Weltkrieg, das sehr schnell den SO-asiatischen Raum beherrschte, wurde Amerika von den kautschukliefernden Ländern abgeschnitten und damit zur Erzeugung von synthetischem Kautschuk gezwungen. In Deutschland wurde die Erzeugung von synthetischem Kautschuk bei Kriegsende von den Aliierten verboten. Erst 1951 bekam Deutschland die Erlaubnis, in bescheidenem Rahmen, die Herstellung wieder aufzunehmen.
Inzwischen hatte man auch in anderen Ländern erkannt, dass die Erzeugung von synthetischem Kautschuk notwendig war, um den wachsenden Weltbedarf an Kautschuk zu decken, um vom stark konjunkturempfindlichen Kautschukpreis eine gewisse Unabhängigkeit zu erlangen.
Während der koreanischen Krise 1950 wurde der Kautschuk Mangelware und die Preise stiegen. Die Folge war ein wieder starkes Zurückgreifen auf das synthetische Produkt. Inzwischen war es gelungen, die Qualität des Synthesekautschuks bedeutend zu verbessern und dem Verbraucher Typen zur Verfügung zu stellen, die die Eigenschaften des Naturkautschuks im Hinblick auf bestimmte Verwendungszwecke weit übertrafen. Darüber hinaus besass der synthetische Kautschuk eine Reihe anderer Vorzüge, die ihm zu seinem Siegeszug verhalfen.
So besitzt er immer diesselbe Qualität. Die Kapazitäten für seine Herstellung können nach Bedarf beliebig erweitert werden. Der Aufbau einer Kautschukplantage dauert von der Pflanzung bis zum ersten Ertrag dreimal solange, wie der Bau einer Syntheseanlage. Zudem wird eine Unabhängigkeit von eventuellen Krisen in den Erzeugerländern erreicht. Es erübrigen sich auch die langen Transportwege.
Aufgrund dieser immensen Vorteile wurden natürlich in den verschiendensten Ländern Synthesekautschuk-Fabriken errichtet. Die Erzeugung synthetischen Kautschuks nahm einen riesigen Aufschwung. 1963 erreichte der synthetische Kautschuk erstmals 50% der gesamten Weltkautschukproduktion. 1971 betrug die Welt-Kautschukproduktion (ohne die UdSSR) rund 11'000'000 Tonnen, wovon rund 72% auf den synthetischen Kautschuk entfielen.
In Zukunft wird jedoch der Anteil des synthetischen
Kautschuks am Gesamtmarkt nicht mehr so schnell steigen wie bisher, da (weinigstens
vorläufig) der Naturkautschuk auf bestimmten Gebieten nicht ersetzt werden kann. Produkte
wie Kondome oder Luftballons benötigen eine derart hohe Konsistenz und Flexibilität, wie
sie zurzeit nur Naturkautschuk bietet. Auch Formel 1-Reifen werden mit speziell
prepariertem Naturlatex gefertigt.![]()